Lothar Matthäus übt in seiner Kolumne harte Kritik am Vorgehen der FIFA im Fall Folarin Balogun. Der Sky Sport Experte lässt auch an Brasiliens Star Neymar kein gutes Haar.
Unterföhring, 06.07.2026
Matthäus wirft auch einen Blick auf die anstehen Verhandlungen des DFB mit Jürgen Klopp und erklärt, wer die Führungsspieler der Nationalmannschaft sein können. Abschließend spricht er über die Zukunft von Julian Nagelsmann.
Mexiko gegen England! Was war das für ein Spiel! Ich habe vorher schon gesagt, dass ich es mir gerne live im Aztekenstadion angeschaut hätte. Und es hat keine Wünsche offengelassen!
Wenn man 40 Minuten in Unterzahl spielt, aber sogar noch ein Tor schießt und gewinnt, zeigt es die Qualität der Engländer. Jude Bellingham und Harry Kane haben die Tore erzielt, aber die ganze Mannschaft ist um diese Stars herum so aufgebaut, dass sie ihre Stärken einbringen können. England lebt von seiner Mentalität und seiner physischen Stärke. Sie mussten leiden - und das ist ihnen gut gelungen.
Norwegen war schon vor der WM mein Geheimfavorit. In der Qualifikation haben sie Italien zweimal beherrscht, nun haben sie Brasilien aus dem Turnier geworfen. Sie haben Ausnahmespieler wie Martin Ödegaard, Bundesligastars wie Antonio Nusa und in Erling Haaland eine Tormaschine. Sie hatten aber auch ein wenig Glück und einen super Torwart, der den Sieg festgehalten hat.
Ich kann Brasilien und Neymar nicht mehr sehen
Mich freut es, dass Brasilien ausgeschieden ist. Ich kann dieses Lamentieren und Gestikulieren einfach nicht mehr sehen. Anstatt den Strafstoß schnell auszuführen, hat Neymar vor und nach dem Schuss mit dem Torhüter diskutiert. An diesem Verhalten erkennt man, dass er sein Ego über den Erfolg der Mannschaft stellt.
Das ist bei den Franzosen ganz anders. Dort haben auch die Superstars wie Kylian Mbappe oder Ousmane Dembele kapiert, dass es nur über die mannschaftliche Geschlossenheit funktioniert. Beim 1:0 gegen Paraguay sind sie an ihre Grenzen gegangen.
Die FIFA macht alles kaputt
Bei der WM gab es tolle Spiele, eine tolle Atmosphäre, aber wer macht alles kaputt? Die FIFA und die Politik!
Donald Trump hat zugegeben, bei der FIFA angerufen und um eine Überprüfung der Sperre gegen den US-Amerikaner Folarin Balogun gebeten zu haben.´Mit der Entscheidung, die Sperre auf Bewährung auszusetzen, tut die FIFA sich selbst und dem Fußball keinen Gefallen. Im Gegenteil!
Der Platzverweis gegen Balogun im Spiel gegen Bosnien-Herzegowina war glasklar, er wurde vom VAR überprüft. Doch die Sperre wurde auf Bewährung ausgesetzt. Für mich ist das ein Witz! Es ist das Schlimmste, was ich je im Fußball gesehen habe!
Ich bin nicht gegen neue Wettbewerbe oder neue Regeln. Dreiminütige Trinkpausen, damit zusätzlich Milliarden für Werbung eingenommen werden - alles in Ordnung. Wir leben in einer Zeit, in der vielleicht alles andere wichtiger ist als der Fußball. Aber dass eine glasklare Rote Karte zurückgenommen wird, so etwas hat es noch nie gegeben!
Die FIFA tritt den Sport mit Füßen!
Das ist ein Eingriff in den Sport und macht mich wahnsinnig traurig. Ich habe nie etwas gegen die FIFA gesagt, aber ich ärgere mich maßlos. Entschuldigt bitte die Wortwahl, aber ich könnte kotzen!
Warum hat kein anderer Spieler eine Rote Karte auf Bewährung bekommen? Alle anderen wurden gesperrt, wie es sich auch gehört. Wenn der WM-Gastgeber oder Spieler großer Fußballnationen geschützt werden, aber die Kleinen nicht, ist es kein Fair Play mehr.
Die FIFA macht sich lächerlich, sie tritt den Sport mit Füßen!
Ich habe nichts gegen Gianni Infantino. Von mir aus kann er zehn Friedenpreise an Donald Trump verleihen. Aber wenn es um Betrug und Manipulation geht, hört es für mich auf. Was die FIFA sich jetzt erlaubt, ist eine absolute Frechheit und Betrug am Fußballfan. Man stelle sich vor, Balogun macht im Achtelfinale gegen Belgien das entscheidende Tor ...
Der DFB braucht mehr als einen Klopp-Plan
In dieser Woche werden Verantwortliche des Deutschen Fußball-Bundes nach New York fliegen und mit Jürgen Klopp über die Zukunft der Nationalmannschaft sprechen.
Man braucht aber nicht nur einen Klopp-Plan, sondern man braucht auch Leute, die andere Meinungen vertreten, die auch mal querdenken. Reibung ist wichtig. Und man muss aufpassen, dass man nicht wieder so leichtsinnige Verträge macht, die bei Julian Nagelsmann am Ende sehr viel Geld gekostet haben. Wichtig wird sein, dass all die Leute, die beim DFB angestellt sind, dem deutschen Fußball weiterhelfen.
Man sollte Völler weiter einbinden
Es gibt bei uns so viele talentierte Fußballer und ein guter Trainer formt aus guten Spielern immer eine gute Mannschaft. Nagelsmann ist das nicht gelungen, weil ihm noch etwas die Erfahrung gefehlt hat und viele Dinge falschgelaufen sind.
Wer in Zukunft den Posten des DFB-Sportdirektors übernehmen wird, darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Aber ich glaube, dass man Rudi Völler weiter in irgendeiner Form einbinden sollte.
Wir müssen wieder auf Positionen hinarbeiten
Was die Mannschaft angeht, müssen wir wieder auf Positionen hinarbeiten, die wir bei der WM nicht hatten. Wir hatten keinen Rechtsverteidiger im Kader und auch keinen echten Neuner. Wir haben auch nicht die großen Führungsspieler wie beim letzten Titel 2014.
Joshua Kimmich sehe ich weiterhin als Fixpunkt und Kapitän, auch Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck können Gesichter der Mannschaft sein. Vorne hat Kai Havertz die Qualität und Erfahrung, Führung zu übernehmen. Man muss aber sehen, auf welcher Position er spielt.
Im Tor ist die Situation etwas knifflig.
Will man mit Oliver Baumann weitermachen? Mit Jonas Urbig hat man einen Torhüter, auf den man sich verlassen kann, auch wenn er in München hinter Manuel Neuer nur die Nummer 1b sein wird. Es kommt darauf an, was der neue Trainer will.
Nagelsmann braucht Zeit zum Nachdenken
Was die Zukunft von Julian Nagelsmann angeht, glaube ich, dass er erst einmal eine Pause einlegen wird. Es gibt viele Dinge, über die er nachdenken kann.
Ich schätze ihn so ein, dass er für sich nur die höchste Kategorie in Betracht zieht, aber momentan sind bei allen Topklubs die Trainerpositionen vergeben. Ich gehe davon aus, dass Julian bis Weihnachten nirgendwo auf der Trainerbank sitzen wird.
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