Lothar Matthäus analysiert in seiner Kolumne die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador. Der Sky Sport Experte erklärt, was in der K.o.-Runde besser werden muss und wie Joshua Kimmich dem DFB-Team besser helfen kann.
Unterföhring, 26.06.2026
Der Rekordnationalspieler schätzt den wahrscheinlichen Gegner im Sechzehntelfinale ein und warnt davor, jetzt schon auf ein mögliches Achtelfinale zu schielen.
Die Leistung der deutschen Mannschaft beim 1:2 gegen Ecuador war nicht das, was wir uns alle erwartet hatten. Die Südamerikaner haben verdient gewonnen. Sie mussten gewinnen, bei uns hat vielleicht das eine oder andere Prozent gefehlt.
Sobald die Ecuadorianer Druck gemacht haben, sind wir nicht damit fertig geworden. Die Art und Weise der Niederlage bereitet Sorgen.
Manuel Neuer war beim 1:2 mit in der Verlosung. Zu wieviel Prozent das Tor sein Fehler war, darüber kann man diskutieren. Fakt ist, dass er solche Bälle schon besser gelöst hat.
Mit den Fehlern ist die Leichtigkeit verlorengegangen
Vielleicht haben wir uns an dem 7:1-Sieg gegen Curacaozu lange aufgehangen. Die Realität hatte man bereits beim2:1 gegen die Elfenbeinküstegesehen. Auch da hatte man schon Schwierigkeiten, bisDeniz Undav mit zwei Toren für den Sieg gesorgt hat. Wir haben uns viele Fehler und Ballverluste geleistet, die ich von der deutschen Mannschaft eigentlich nicht kenne. Mit den Fehlern ist auch die Leichtigkeit verlorengegangen. Man konnte sehen, dass wir in den Zweikämpfen, eigentlich eine große Stärke des deutschen Teams, nicht bissig genug waren. Die Mannschaft hat zwar alles gegeben, aber es war nicht genug.
Warum hat Nagelsmann nicht von Beginn an rotiert?
Julian Nagelsmann musste sich die Frage gefallen lassen, ob das letzte Prozent Engagement gefehlt habe. Dass er als Trainer seine Spieler in Schutz nimmt, ist klar. Vor dem Spiel wurde viel über Belastungssteuerung und Rotation diskutiert. Ich habe mich gefragt, warum Nagelsmann die vielen Wechsel der zweiten Halbzeit nicht gleich von Beginn an vorgenommen hat. Wenn er vorher schon wusste, dass er nach einer Stunde vier Spieler auswechseln würde, hätte er auch schon in der Startelf rotieren können. Bis zum nächsten Spiel bleibt nicht viel Zeit. Der Bundestrainer muss Gespräche führen und Lösungen finden.
Kimmich ist als Rechtsverteidiger zu langsam
Ob ich die Aufstellung ändern würde? Mir geht es nicht um einzelne Spieler, sondern um das Gesamte. Ich sehe Joshua Kimmich nicht als Rechtsverteidiger. Er ist auf internationalem Niveau zu langsam auf dieser Position im Eins-gegen-eins gegen schnelle Spieler wie Diomande, Nusa oder Olise. Er hat es einmal mit Bayern in der Champions League gegen Mbappe gut gemacht, da ist nichts passiert. Aber muss man warten, bis etwas passiert? Wenn wir jetzt noch ein Spiel verlieren, sind wir ausgeschieden! Man könnte mir zwei schnellen Außenverteidigern oder mit einem dritten Innenverteidiger spielen. Gegen Ecuador hat der Bundestrainer Thiaw für Kimmich gebracht, das war vielleicht schon ein Zeichen. Man könnte auch Anton rechts hinten spielen lassen.
Im Mittelfeld fehlt die ordnende Hand
Kimmich würde ich im Zentrum aufstellen, denn dort fehlt die ordnende Hand. Im Mittelfeld haben wir viele junge Spieler und einige, die ihrer Form hinterherlaufen. Sie brauchen Hilfe und Unterstützung. Florian Wirtz ist jung, Jamal Musiala ist jung, Pavlovic ist jung. Was können sie Fußball spielen und zaubern! Aber sie brauchen Führung! Wirtz und Musiala sind Unterschiedsspieler, aber auch in ihren Vereinen keine Führungsspieler. Musiala ist nach seiner langen Verletzung noch auf sich selbst fokussiert. Kai Havertz war lange verletzt, Felix Nmecha macht den Unterschied auf höchstem Niveau aus, aber er ist noch nicht so weit, dass er die Mannschaft zusammenhalten kann. Führungsspieler heißt, dass du diese Situation ein Leben lang mitgemacht hast, und das ist bei Kimmich der Fall. Er sollte dort spielen, wo er auch in München spielt. Der FC Bayern ist auch wegen Kimmich so gefestigt und erfolgreich.
So kommt man gegen Paraguay weiter
Im Sechzehntelfinale trifft das DFB-Team wahrscheinlich auf Paraguay. Die Südamerikaner haben eine ähnlich aggressive und körperbetonte Spielweise, aber nicht die Qualität wie Ecuadors Spieler, von denen einige in ihren Klubs in der Premier League Woche für Woche auf höchstem Niveau performen. Ich glaube, dass wir die nächste Runde auf jeden Fall überstehen werden. Dafür muss aber jeder vollen Einsatz zeigen und die Mannschaft muss ihre Sicherheit und Leichtigkeit zurückbekommen. Wenn jeder sich etwas mehr zutraut, etwas mehr Persönlichkeit als gegen Ecuador zeigt, dann sollte keiner der möglichen Gegner im Sechzehntelfinale ein Problem für uns sein.
Bloß nicht schon ans Achtelfinale denken!
Wenn wir unsere Hausaufgaben erledigen, würden wir in der nächsten Runde auf Frankreich oder Norwegen treffen. Ich traue Norwegen den Gruppensieg zu. Ich glaube aber nicht, dass sie einfacher zu spielen wären als die Franzosen. Die deutsche Mannschaft sollte aber bloß nicht den Fehler machen, jetzt schon an ein mögliches Achtelfinale zu denken. Der Auftritt gegen Ecuador bereitet Sorgen, aber man kann sich im Turnier steigern. Auch wenn es sich nach der Leistung komisch anhört: Man hat immer noch die Chance, Weltmeister zu werden. Doch eins ist klar: Ab jetzt geht es in jedem Spiel um alles.
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