Das WM-Aus der deutschen Mannschaft ist für Lothar Matthäus "noch schlimmer als das Ausscheiden bei den Weltmeisterschaften in Russland und in Katar", schreibt Lothar Matthäus in seiner Kolumne.
Unterföhring, 30.06.2026
Der Sky Sport Experte fordert Julian Nagelsmann auf, ehrlich zu sich selbst zu sein und nennt die Vorzüge des potenziellen Nachfolgers Jürgen Klopp. Von den Verantwortlichen des DFB wünscht er sich mehr Klarheit. Ich hatte gehofft, dass wir aus den Dingen gelernt hätten, die schon gegen die Elfenbeinküste und Ecuador zu sehen waren. Ich hatte gedacht, dass Julian Nagelsmann seine Lehren aus diesen Spielen gezogen hätte. Was Deutschland aber gegen Paraguay gezeigt hat, war einfach viel zu wenig. Ich habe auch keine klare Spielidee gesehen. Nach außen sah es nicht so aus, dass eine Einheit auf dem Platz stand.
Das Aus gegen Paraguay war eine Blamage
Wenn das, was Paraguay gezeigt hat, reicht, um gegen Deutschland weiterzukommen, dann weiß man, wie man die Leistung unserer Mannschaft einzuordnen hat. Das Aus gegen Paraguay war eine Blamage.
Gefühlt geht es uns nicht besser als Italien. Die Italiener waren drei Mal gar nicht dabei. Wir sind, gefühlt, drei Mal in der Gruppenphase ausgeschieden. Wir sind genauso früh ausgeschieden, wie in Russland und Katar, als es noch kein Sechzehntelfinale gab.
Nagelsmann muss ehrlich zu sich sein
Wenn Nagelsmann Bundestrainer bleiben sollte, wäre das für mich eine Überraschung. Dass er nicht selbst zurücktritt, kann ich zwar nachvollziehen, aber Julian muss ehrlich zu sich selbst sein: Hat er das Letzte aus der Mannschaft herausgeholt? Ich sage klar: nein! Julian wurde alles erfüllt, was er sich gewünscht hat. Er hat sich seinen Kader zusammengestellt. Rudi Völler hat ihn geschützt, anders, als es bei Oliver Bierhoff und Hansi Flick nach der WM 2022 war. Damals musste Hansi alles allein ausbaden.
Ich hoffe, dass Völler Klartext spricht
Nagelsmann hat die Mannschaft ergebnismäßig nicht nach vorn gebracht. Nicht bei der Heim-EM und auch nicht im Final4 der Nations League. Ich hoffe, dass Völler intern genauso Klartext spricht, wie er es mit uns Experten macht. Es muss jeder kleine Stein umgedreht werden. Man muss genau hinschauen und sehen, was gut war und was schlecht war.
Jeder hat seinen Rucksack mit ins Turnier getragen
Die Probleme der vergangenen Jahre und Monate wollte man wegwischen, aber das ist nicht gelungen. Es gab große Diskussionen um die Rückkehr von Manuel Neuer, die Position von Joshua Kimmich und das Verhalten von Antonio Rüdiger. Die Mannschaft ist nicht als Einheit aufgetreten, weil jeder seinen Rucksack mit ins Turnier getragen hat.
Neuer kam wie ein neuer Spieler zurück, das macht etwas mit einem. Kimmich hat auf einer Position gespielt, wo er seine Rolle als Führungsspieler nicht ausüben konnte. Kimmich musste einen Kompromiss eingehen, um den Frieden nach außen zu zeigen, aber innerlich hat es in ihm gebrannt. So wie 1994 bei mir, als ich der Kapitän war, und Berti Vogts die Aufstellung mit anderen besprochen hat.
Man hat die Unsicherheit auf dem Platz gesehen
Musiala war lange verletzt, Wirtz hatte ein schweres Jahr in Liverpool, Woltemade in Newcastle auch. Undav hatte in Stuttgart eine gute Saison gespielt und kam mit Selbstvertrauen zur WM, aber er war in den ersten Spielen nur Joker. Es gab viel Unsicherheit im Team, und diese Unsicherheit hat man auf dem Platz gesehen. Als es hart auf hart kam, hatte jeder mit sich selbst zu kämpfen.
Vor dem Elfmeterschießen gegen Paraguay haben beide Mannschaften einen Kreis gebildet. Paraguays Trainer hat sein Team emotional eingepeitscht und motiviert, Nagelsmann hat etwas von einem Zettel abgelesen. Ich weiß nicht, ob die Spieler ihn überhaupt verstanden haben.
Ähnliche Probleme wie bei der WM 1994
Es gab auch Dinge abseits des Spielfelds, die nicht förderlich waren, zum Beispiel das Thema Reisen und Familienbesuche. Die Familie ist wichtiger als jedes Fußballturnier, aber wenn du bei einer WM bist, sollte der Fokus darauf liegen. Wenn du vier Tage nach dem 1:2 gegen Ecuador gegen Paraguay spielst, brauchst du Zeit, um Dinge aufzuarbeiten. Man sollte erst einmal Erfolge vorweisen können. Wenn man das Achtelfinale übersteht, kann doch die Familie gerne kommen. Ich habe ähnliche Probleme bei der WM 1994 miterlebt, aber wir haben damals zumindest das Viertelfinale erreicht.
Kimmich kann weiter ein Fixpunkt sein
Einige Spieler werden nach dem WM-Aus aus Altersgründen zurücktreten. Kimmich hat zwar keine gute WM gespielt, aber ich schätze ihn so ein, dass er auch bei einem möglichen neuen Trainer ein Fixpunkt im DFB-Team sein wird.
Klopp ist ein Motivator und zeigt klare Kante
Noch ist Julian Nagelsmann der Nationaltrainer. Ob und wie es weitergeht, kommt darauf an, was der DFB will. Jürgen Klopp wird schon seit Jahren gehandelt, denn er hat sehr gut bei seinen Vereinen gearbeitet. Er ist ein Motivator und einer, der eine klare Kante zeigt. Ich wünsche mir insgesamt beim DFB mehr Klarheit. Man kann unterschiedliche Meinungen haben, am Ende muss man über das reden, was am besten ist für den deutschen Fußball. Wenn du nicht offen miteinander sprichst und nur auf Harmonie machst, funktioniert es nicht. Nur mit Harmonie wirst du nicht Weltmeister.
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