Unterföhring, 05.06.2025
Lothar Matthäus stellt sich in seiner Kolumne die Frage, warum Bundestrainer Julian Nagelsmann nach der 1:0-Führung gegen Portugal drei Spieler auf einmal ausgewechselt hat. Auch die Dreierkette hat ihn verwundert.
Der Sky Sport Experte plädiert dafür, Joshua Kimmich im DFB-Team im Mittelfeld einzusetzen.
Die Niederlage gegen Portugal war verdient und hatte ihre Gründe. Ich mache mir keine Sorgen um die deutsche Mannschaft, aber man muss den Finger in die Wunde legen.
Natürlich haben alle versucht, ihr Bestes zu geben, aber es fehlte insgesamt die nötige Aggressivität, die letzte Energie und die nötige Konzentration.
Alle haben Fehler gemacht, auch Portugals Auftritt war nicht perfekt. Das Spiel hatte nicht den Rhythmus, den man erwartet hatte, vor allem in der ersten Halbzeit.
Warum der Dreierwechsel kurz nach der Führung?
Kurz nach der Pause hat Wirtz das 1:0 erzielt, doch mit dem Dreifachwechsel in der 60. Minute (Gnabry, Füllkrug und Gosens für Sane, Woltemade und Mittelstädt) kam ein Bruch ins deutsche Spiel.
Julian Nagelsmann muss sich die Frage gefallen lassen: Warum wechselt er so kurz nach einer Führung drei Spieler auf einmal aus?
Bei den Portugiesen haben die Einwechslungen (Vitinha und Conceicao, Schütze des 1:1, kamen in der 58. Minute) eine positive Wirkung gezeigt, bei Deutschland eine negative. Roberto Martinez hatte ein goldenes Händchen gehabt, Nagelsmann nicht.
Die Dreierkette hat mich irritiert
Was mich aber von Anfang an irritiert hat, war die Dreierkette.
Tah, Koch und Anton kennen sie gut, aber trotzdem verändert sie die Statik, die Positionen und die Aufgaben. Nagelsmann wollte Koch bei Ballbesitz nach vorne auf die Sechserposition schieben, doch es hat nicht funktioniert.
Tah hat kein gutes Spiel gemacht. Er hat auf der rechten Seite gespielt, wo er in Laufduelle verwickelt wurde, in die er als zentraler Verteidiger nicht gekommen wäre.
Kimmich ist auf der Sechs wichtiger als rechts
Auf der linken Außenbahn haben wir mit Mittelstädt, Gosens und Raum drei Optionen. Aber wer ist derjenige, auf den man sich zu 100 Prozent verlassen kann? Es wird hin- und her gewürfelt. Vielleicht sollte man sich auf einen Spieler festlegen, damit dieser Sicherheit bekommt.
Wir haben gute Spieler im Zentrum, aber haben wir solche Sechser oder Achter wie die Portugiesen, die das Spiel gestalten? Ich weiß nicht, ob Pavlovic so weit ist, und Goretzka ist ein ganz anderer Spielertyp.
Stiller, der verletzungsbedingt gefehlt hat, ist jemand, der das Spiel lenken kann, er ist ein bisschen wie der junge Toni Kroos. Entweder sollte man Stiller das Vertrauen geben oder schnellstmöglich Kimmich ins Zentrum ziehen, um Ordnung zu haben.
Kimmich ist gerade bei Turnieren, wo es auf jedes Spiel ankommt, auf der Sechs wichtiger als rechts. Man sollte darüber nachdenken, einen Rechtsverteidiger zu finden und Kimmich ins Mittelfeld zu ziehen.
Die Mannschaft kann es besser, wichtige Spieler wie Musiala oder Rüdiger haben gefehlt, die Aussicht auf ihre Rückkehr lässt mit Blick auf die WM im kommenden Jahr hoffen.
Wirtz denkt nach - das haben die Portugiesen gemerkt
Von Wirtz erwartet man immer Wunderdinge, aber vieles im Fußball spielt sich im Kopf ab. Was auf ihn in den letzten Wochen und Monaten eingeprasselt ist, kann nicht spurlos an jemandem vorbeigehen.
Ich erwarte nicht von einem 22-Jährigen, dass er sagt "Ich gehe jetzt für ein Gesamtpakt von einer Viertelmilliarde nach Liverpool, alles andere interessiert mich nicht". Er denkt nach, und das haben die Portugiesen auch gemerkt, haben ihn attackiert und provoziert. Er wird daraus lernen und ich wünsche ihm, dass dieses Transfergeplänkel schnellstmöglich ein Ende findet.
Sind nicht weit von der Weltspitze entfernt
Vielleicht gibt Nagelsmann ihm am Sonntag im Spiel um Platz drei eine Pause, vielleicht will er neue Erkenntnisse gewinnen. Auf jeden Fall sollte man das Spiel nicht abschenken.
Frankreich und Spanien gehören beide zur absoluten Weltspitze. Da wollen wir hin. Ich will nicht sagen, dass wir weit davon entfernt sind, weil wir 1:2 gegen Portugal verloren haben.
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